Pressebericht

04.01.2019

Montagsinterview mit Peter Wesjohann - „Es muss nicht gerade ein Kakerlaken-Burger sein“

Montagsinterview mit Peter Wesjohann - „Es muss nicht gerade  ein Kakerlaken-Burger sein“
Montagsinterview mit Peter Wesjohann - „Es muss nicht gerade ein Kakerlaken-Burger sein“

 

Peter Wesjohann, Chef des Geflügelfleisch-Herstellers Wiesenhof, über Insekten als alternative Proteinquelle, die ständige Kritik von Tierschützern und die Frage, ob das Schlachten ihm ein schlechtes Gewissen bereitet

INTERVIEW: SILVIA LIEBRICH
UND ANGELIKA SLAVIK

Es wäre untertrieben zu sagen, dass Rechterfeld eine eher ruhige Gegend ist. Das hier ist niedersächsische Pampa, ein Ort, an dem es eigentlich nichts zu sehen gibt – außer der Firmenzentrale von PHW. Deutschlands größter Geflügelkonzern ist vor allem für seine Marke Wiesenhof bekannt. Der diplomierte Kaufmann Peter Wesjohann leitet dieses Unternehmen, das jeden Tag eine Million Hühner schlachtet. Entsprechend kritisch beobachten ihn Tierschutzorganisationen.

SZ: Herr Wesjohann, erinnern Sie sich daran, als Sie das erste Mal beim Schlachten dabei waren?

Peter Wesjohann: Nein, daran habe ich keine Erinnerung. Aber ich weiß noch, wie mein Sohn zum ersten Mal mit seinem Großvater in eine unserer Schlachtereien gefahren ist. Als er wiederkam, sagte er, es sei gar nicht so schlimm gewesen, wie alle behaupten.

Wie schlimm finden Sie es?

Ich finde es auch nicht so schlimm. Wenn Sie eine unserer Schlachtereien besuchen, werden Sie sehen, dass sich Schlachttechniken stark weiterentwickelt haben. Die meisten Besucher sind positiv überrascht.

Sind Sie Jäger?

Ich nicht, mein Bruder aber schon.

Das bedeutet, Sie haben selbst noch nie ein Tier getötet?

Zumindest nicht in der Absicht, das Fleisch zu essen. Eine Fliege schon oder eine Wespe.

Unter Ihrer Verantwortung werden jeden Tag eine Million Hühner getötet. Beschäftigt Sie das?

Ich bin ein gläubiger Mensch. Nach meiner Auffassung – das mögen andere Menschen anders empfinden – ist es durchaus mit dem katholischen Glauben vereinbar, ein Tier zu töten, um es zu essen. Wichtig ist, dass das Tier vernünftig aufgezogen und vernünftig behandelt wurde. Das ist mir auch auf einer persönlichen Ebene wichtig, ja. Und dass es vernünftig betäubt wird, bevor es getötet wird.

Und die schiere Zahl erschreckt Sie nicht?

Nein. Es gibt 80 Millionen Deutsche. Jeder isst im Schnitt neun Hühner pro Jahr. Das ist nicht mal ein Hähnchen pro Monat. Ich empfinde das nicht als so viel.

Also kein schlechtes Gewissen?

Nein. Ich kann das mit meinem Gewissen sehr gut vereinbaren.

Trotzdem wird Ihr Unternehmen ständig kritisiert. Sie leiten es in dritter Generation. Mal ehrlich, hätten Sie nicht lieber einen Streichelzoo geerbt?

Natürlich gibt es Momente, die nicht angenehm sind. Ich habe das Unternehmen 2009 von meinem Vater übernommen, das war genau zu dem Zeitpunkt, als in Deutschland die Diskussion über landwirtschaftliche Tierhaltung anfing. Wiesenhof hat einen Bekanntheitsgrad von mehr als 90 Prozent in Deutschland, während die meisten anderen Fleischproduzenten nahezu unbekannt sind. Deshalb konzentrierte sich die Kritik stark auf uns. Das ist heftig, natürlich. Aber Kritik kann ja auch befruchtend sein.

Das klingt ja sehr abgeklärt.

Der Mensch lernt und wird besser. Das war bei mir auch so. Ich habe die positiven Seiten von Kritik schätzen gelernt, aber das war ein Prozess. Anfangs fand ich es auch ungerecht, dass wir im Zentrum des Sturms standen, während unsere Mitbewerber einfach nur schweigend gewartet haben, bis sich die Aufregung gelegt hat. Aber ich glaube an Transparenz.

Wieso?

So schafft man Vertrauen. Wir versuchen zu erklären, was wir tun und wie wir arbeiten. Deshalb haben wir Generationen von Journalisten durch unsere Ställe geführt, deshalb zeigen wir unsere Schlachtereien her. Ich hoffe, dass sich das für uns auszahlt, auch für die nächste Generation.

Vielleicht sind Sie ja die Diskussion bald los, Sie sind ja jetzt auch im Geschäft mit Fleischersatz.

Wir sehen uns mittelfristig als Anbieter von hochwertigen Proteinen, ja. Das können tierische sein, aber auch Pflanzen- und Insektenproteine. Der vegane Bereich hat in den vergangenen Jahren zugelegt, nicht nur in Deutschland.

Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass sich die Deutschen Schnitzel und Currywurst abgewöhnen werden.

Veganes Fleisch ist immer noch ein Nischenmarkt und wird es auch noch für einige Jahre bleiben, klar. Aber wir sehen Potenzial, die Nische wird wachsen. Vor allem, wenn die Produkte richtig schmecken. Wenn wir über die Jahre ein Absatzvolumen von fünf bis zehn Prozent am Gesamtabsatz schaffen, wären wir schon auf einem guten Niveau. Mit unserem Know-how lässt sich damit Geld verdienen.

Wer kauft diese Fleischersatz-Produkte?

Die Zielgruppe müssen neben den Veganern die Flexitarier sein, die gern Fleisch essen, aber bewusst und nicht jeden Tag. Die greifen auch mal zu veganen Produkten, wenn sie ihnen schmecken.

Ehrlich, wie oft essen Sie veganes Fleisch?

Ich muss es ja schon aus beruflichen Gründen öfters essen. Wir haben in Start-ups in diesem Bereich investiert und sind seit Kurzem mit dem Beyond Burger auf dem Markt. Da erwarten wir einiges.

Würden Sie sich selbst einen Beyond Burger braten?

Ehrlicherweise brät ihn meine Frau für mich. Ich will aber auch nicht ganz fleischlos leben.

Der Burger schmeckt wie Fleisch, wird aber woraus genau hergestellt?

Das ist ein Burger aus Erbsenprotein. Gentechnikfrei, glutenfrei. Da ist viel Geld in die Entwicklung geflossen.

Es gibt Menschen, die glauben an Insekten als Protein der Zukunft.

Wir haben eine Beteiligung, Enterra Feed Corporation, die machen Insektenmehl aus den Maden der schwarzen Soldatenfliege. Das ist aber für die Futtermittelindustrie. Die Insekten werden mit pflanzlichen Lebensmittelabfällen gefüttert, der ganze Zyklus ist also sehr nachhaltig. Dieses Insektenmehl ist außerhalb der EU bereits als Tierfutter zugelassen. Ich möchte gern, dass das auch in der EU zugelassen wird. Dann können wir Versuche machen, den Sojaanteil in unserem Futter möglichst weit zu reduzieren. Das hätte einen positiven Effekt auf die Umwelt, denn die größte CO2-Belastung in der Hühnerhaltung kommt aus dem Futterbereich.

Und als Proteinquelle für den Menschen? Kommt der Kakerlaken-Burger?

Naja, ich war gerade erst in China und habe da ganze, panierte Insekten gegessen. Wenn man nicht darüber nachdenkt, was man da isst, geht das.

Aber Sie müssen sich überwinden?

Eine Kakerlake in Reinform, das würde mir schwerfallen, das muss ich schon zugeben. Ich weiß auch nicht, ob es gerade ein Kakerlaken-Burger sein muss. Aber wir sind ja an einem Start-up in Osnabrück beteiligt, das Insektenprotein aus Buffalowürmern macht. Mit einem Buffalowurm-Burger hätte ich kein Problem. Bei Rewe gibt es übrigens diesen Insekten-Burger schon, an dem Unternehmen haben wir eine Minderheitsbeteiligung. Die machen das schon ganz gut und haben auch schon Erfolg in der Gastronomie. Auf Messen bilden sich Schlangen vor dem Stand.

Könnte reine Neugier sein.

Wenn es den Menschen schmeckt, kaufen sie das auch. Das alles wird eine Zeit lang dauern, das ist klar. Es ist aber nicht nur eine Spielerei. Wir haben extra einen Vorstand berufen für alternative Proteinquellen. Und wir investieren ernsthaft.

Wie viel investieren Sie da?

Derzeit sind das ungefähr zehn Prozent unseres gesamten Investitionsbudgets.

Herr Tönnies, größter Schlachthofbetreiber in Deutschland, glaubt ja nicht an die Sache mit dem Fleischersatz …

Darüber bin ich eigentlich ganz froh, dann habe ich ihn nicht als Wettbewerber.

Sie sind auch an einem Start-up beteiligt, das Fleisch künstlich züchtet. Wann kommt das auf den Markt?

Aktuell ist das noch im Forschungsstadium. Supermeat züchtet aus Geflügelfleischzellen in einer Nährlösung eine Fleischmasse, die man dann zu Fertigprodukten verarbeiten kann. Es ist richtiges Fleisch, aber kein Tier muss dafür sterben. Ich glaube, dass es eine Zielgruppe gibt, die genau das möchte. In drei bis fünf Jahren könnten die ersten Produkte auf den Markt kommen, das ist meine Erwartung.

Dennoch, Ihr Hauptgeschäft bleibt das Geflügel. Da gibt es immer wieder Kritik von Tierschützern. Können Sie Fleisch nicht so produzieren, dass Tiere nicht leiden?

Ich denke, das gelingt uns. Wir haben unsere Tiere immer nach den geltenden Tierschutzstandards aufgezogen. Zusätzlich haben wir uns aber auch weiterentwickelt, im Rahmen der Tierwohlkonzepte. Mehr als 60 Prozent unserer deutschen Produktion gehört zu einem dieser Konzepte. Natürlich kann immer mal ein Fehler passieren, wenn so viele Menschen zusammenarbeiten. Dann reagieren wir und stellen sicher, dass das nicht mehr vorkommt. Aber man muss auch ehrlich sein: Mehr Tierwohl hat auch seinen Preis. Und der ist am Markt nicht so leicht durchzusetzen.

Die Leute wollen immer noch, dass das Fleisch vor allem billig ist?

Den höheren Preis kann sich einfach nicht jeder leisten. Stellen Sie sich eine Familie mit zwei Kindern vor. Die braucht zwei Hähnchen, damit alle satt werden. Ein Bio-Hühnchen ist aber dreimal so teuer wie ein konventionell aufgezogenes. Das geht nur ab einem bestimmten Einkommen, die Nische ist klein. Wir wollen aber Fleisch für alle Bevölkerungsschichten anbieten.

Herr Wesjohann, worum geht’s im Leben?

Darum, zufrieden mit sich selbst und mit seiner Umgebung zu sein.

 

Peter Wesjohann, 49, leitet PHW seit 2009. Er ist Chef von 6800 Mitarbeitern und verantwortet einen Umsatz von 2,48 Milliarden Euro.

 

Aber man muss auch ehrlich sein: Mehr Tierwohl hat auch seinen Preis. Und der ist am Markt nicht so leicht durchzusetzen.“

 

Quelle Text: Silvia Liebrich und Angelika Slavik, Süddeutsche Zeitung, 31.12.2018

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